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Wenn die Vergangenheit im Osten liegt

Die Repräsentation von Zeit ist durch räumliche Begriffe geprägt.

Die Vergangenheit liegt „hinter uns“ und die Zukunft „vor uns“ – wenn wir an morgen denken, schauen wir nach „vorne“, und wenn wir an gestern denken „zurück“.  Diese Beispiele zeigen, dass wir Zeit häufig in räumlichen Begriffen ausdrücken, wahrscheinlich weil diese das abstrakte Konzept Zeit vorstellbar machen. In unserem Kulturkreis verwenden wir räumliche Begriffe meist in Relation zu unserem eigenen Standpunkt: ein Tisch steht vor oder hinter uns, links oder rechts. Doch was wäre, wenn wir Räumliches nicht im Vergleich zu uns selbst, sondern absolut – im Osten, Westen, Norden oder Süden – ausdrücken würden? Würde die Vergangenheit dann im Osten liegen?

Um diese Frage zu beantworten, sind die Forscherinnen Lera Boroditsky und Alice Gaby in den Norden Australiens gereist. Dort wohnt zurückgezogen eine Gemeinschaft australischer Ureinwohner, die räumliche Aspekte nicht im Vergleich zu sich selbst – rechts, links, vorne oder hinten – sondern absolut ausdrückt – im Osten, Westen, Süden oder Norden. Pormpuraawns sagen nicht: „Clara steht rechts von dir“, sondern zum Beispiel „Clara steht südwest von dir“. Für diese Art der Darstellung ist ein sehr gutes Orientierungsvermögen notwendig, über das die Pormpuraawns verfügen. Selbst in einem Haus konnten sie bis auf 10 Grad genau die Himmelsrichtungen angeben, während nur knapp ein Drittel einer Gruppe amerikanischer Studierender so gut abschnitt. Wenn nun Raum nicht relativ sondern absolut ausgedrückt wird, wie steht es dann mit der Zeit?

Um diese Fragen zu beantworten gaben die Forscherinnen den Pormpuraawns und amerikanischen Studierenden Karten, die eine zeitliche Abfolge darstellten, wie beispielsweise Bilder einer Person im Kindes-, Jugend-, frühen und späten Erwachsenenalter. Die Teilnehmenden sollten die Karten in die richtige zeitliche Reihenfolge bringen. Die amerikanischen Studierenden legten das Kinderbild stets links und den älteren Erwachsenen stets rechts. Das war unabhängig davon, in welche Himmelsrichtung die Studierenden blickten. Die Pormpuraawns hingegen legten die Karten überwiegend so, dass die Vergangenheit im Osten und die Zukunft im Westen lag. Blickten die Pormpuraawns nach Süden, lagen die Karten daher von links nach rechts – schauten sie nach Norden, lagen die Karten von rechts nach links.

Diese Ergebnisse zeigen, dass unsere Gedanken über Zeit von unseren räumlichen Vokabeln abhängen. Doch warum ist die Vergangenheit im Osten? Wahrscheinlich bringen die Pormpuraawns den Verlauf der Sonne von Ost nach West mit dem Vergehen von Zeit in Verbindung. In unserer Kultur vermutet die Sprachforschung dagegen, dass die Verortung der Zeit durch unsere Leserichtung geprägt ist, so dass links zeitlich früher als rechts ist. Mehr dazu wird die Forschung in West (also in der Zukunft) wissen.

 

Lera Boroditsky, Alice Gaby (in press). Remembrances of times east: Absolute spatial representations of time in an australian aboriginal community. Psychological Science.



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