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Ein Mann, ein Wort - eine Frau, ein Wörterbuch. Mythos oder Realität?

Frauen reden eigentlich gar nicht so viel.

Es ist immer das Gleiche: Während sie beide morgens gemütlich am Frühstückstisch sitzen, redet sie wie ein Wasserfall und will gar kein Ende finden. Er sitzt ihr schweigend gegenüber, nickt von Zeit zu Zeit und lässt sich ab und zu ein „hm“, „nö“ oder sogar ein „ja, Schatz“ entlocken. Ganz klar – wenn es darum geht so viele Wörter in eine Minute zu pressen wie möglich, haben die Frauen die Nase vorn! Oder nicht?

 

Das Klischee von weiblichen Tratschtanten und eher wortkargen Männern ist so bekannt wie wenige andere und wurde in den Medien jahrelang ausführlich behandelt. Unter Anderem auch deshalb, weil verschiedenste Statistiken und Zahlen dazu geliefert wurden. Wirklich wissenschaftlich untersucht wurde das Phänomen der weiblichen Redseligkeit bisher allerdings nicht. Umso erstaunlicher ist die Behauptung einer Gruppe von Wissenschaftlern um Matthias Mehl, dass Frauen und Männer eigentlich gleich viel reden. Wer hat nun Recht?

 

Eine weit verbreitete Annahme war bis dato, dass Frauen etwa 20.000 Wörter am Tag hervorbringen, während die Männer sich mit stolzen 7.000 Wörtern pro Tag zufrieden geben. Diese Zahlen, die ursprünglich aus einer Publikation der Neuropsychiaterin Brizendine stammen, haben sich so tief eingeprägt, dass man fast von einem kulturellen Mythos sprechen mag, welcher überall diskutiert und als Fakt hingenommen wird. Mehl und seine Mitarbeiter gingen diesem Mythos nun auf den Grund, und zwar mit einer ganz neuen selbst entwickelten Methode: Ein elektronisch aktivierter Spezialrekorder, welcher sich gänzlich unbemerkt einschaltet und jeden kleinsten Wortfetzen, den die Person von sich gibt, festhält und speichert.

 

Fast 400 Studierende im Alter von 17 bis 29 Jahren aus den USA und Mexiko nahmen zwischen 1998 und 2004 an der Studie teil. Der Rekorder wurde mehrere Tage hintereinander in den Morgenstunden getragen und schaltete sich alle zwölfeinhalb Minuten für 30 Sekunden selbsttätig ein, in denen er jedes gesprochene Wort registrierte. Da dies gänzlich im Verborgenen geschah, bestand keine Möglichkeit die Wortmenge bewusst zu beeinflussen. Mit diesen aufgenommenen Daten konnte man auf die Anzahl gesprochener Wörter hochrechnen: Dabei kamen die Frauen auf 16.215 Wörter am Tag, während ihre männlichen Mitstreiter mit 15.669 Wörtern täglich nicht wesentlich weniger redeten. Wir sehen: Ein kleiner Unterschied ist also gegeben, aber er ist längst nicht so dramatisch wie die ursprünglich behaupteten 20.000 : 7.000.

 

Laut Mehl und seinen Mitarbeitern ist der gefundene Unterschied nicht nur klein, sondern nicht statistisch signifikant: Ein Abstand von rund 550 Wörtern kann die Frauen kaum als „Sprechsiegerinnen“ bestätigen. Beide Geschlechter lassen sich am Ende bei durchschnittlich 16.000 Wörtern pro Tag ansiedeln und das mit riesigen interindividuellen Unterschieden. Denn wenn man die Tatsache bedenkt, dass es zwar Quasselstrippen gibt, durchaus aber auch stillere weibliche Geschöpfe  existieren, scheint die gefundene Differenz zwischen den Geschlechtern fast unbedeutend klein zu sein. Also doch alles nur Schwindelei und ein großer Mythos?

 

Auch wenn Mehl und Kollegen in ihrer Studie ausschließlich Studierende aus nur zwei Nationen unter die Lupe genommen haben, interpretieren die Forscher ihre Ergebnisse als Enttäuschung für die Anhänger des geliebten Stereotyps. Denn wenn die Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein bezüglich der täglichen Wortmenge wirklich biologisch veranlagt wären, dann müsste sich das in jeder beliebig zusammengestellten Stichprobe niederschlagen – ganz egal wie homogen die Gruppe auch sein mag. Vielleicht müssen sich die vielen Talkshows und Frauenzeitschriften also von jetzt an umorientieren und den Männern nicht mehr die angenehme Ausrede anbieten, dass sie natürlich gegeben einfach weniger sprechen als die Damen. Möglicherweise liegt der Unterschied ja ganz woanders, denn die Themen, über die sich ausgetauscht wurde, hat der Rekorder nicht mit registriert!

 

Mehl, Vazire, Ramírez-Esparza, Slatcher & Pennebaker (2007). Are Women Really More Talkative Than Men? Science 317 (5834), 82.



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