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Leichter gesehen als getan

Anderen wiederholt bei der geschickten Ausführung einer Aktivität zuzusehen, kann die Illusion erwecken, sich diese Fertigkeit angeeignet zu haben.

„Das könnte ich doch auch!“, mag so manchem beim Anschauen von Talentshows oder Sportsendungen in den Sinn gekommen sein. Könnte da ein Körnchen Wahrheit dahinter stecken? Wieder und wieder sieht man eine Tanzbewegung und andere Künste im Fernsehen, sodass sie doch recht leicht wirken und man bei genauem Hinsehen wissen sollte, wie es geht! Aber wird man allein durch das Beobachten anderer bei einer Aktivität darin besser oder ist das nur eine Illusion?

Dieser Frage nahmen sich die Forschenden Michael Kardas und Ed O´Brien an. Sie vermuteten, dass mehrmaliges Ansehen von einem Video mit demselben Inhalt zwar Gefühle von Vertrautheit und Einfachheit auslöst, aber das Gefühl für die eigentliche Handlung nicht ersetzen kann.

Um diese Annahmen zu untersuchen, bat das Forschungsteam über 1000 Teilnehmer*innen einzuschätzen, wie erfolgreich sie beim Tischdecken-Trick wären – dabei soll eine Tischdecke unfallfrei unter einem Weinglas weggezogen werden. Einigen Teilnehmenden wurde vor dieser Selbsteinschätzung ein Video des Tricks mehrmals vorgespielt, andere lasen Schritt-für-Schritt Erklärungen über den Trick und wieder andere bekamen Zeit, über den Trick nachzudenken (ohne zusätzliche Informationen zu erhalten). Tatsächlich sorgte das mehrmalige Vorspielen eines Videos dafür, dass die Teilnehmenden stärker angaben, den Trick auch selbst erfolgreich durchführen zu können. Die Schritt-für-Schritt-Erklärung oder zusätzliches Nachdenken bewirkten hingegen keine gesteigerte Einschätzung des eigenen Könnens.

Doch wie sieht es mit der tatsächlichen Leistung aus? Fünf weitere Experimente belegten, dass die tatsächliche Leistung bei der Durchführung einer zuvor beobachteten Aktivität nicht besser ausfällt. Die Selbstüberschätzung zeigte sich hingegen in allen Studien. So überschätzten sich die Teilnehmenden nach mehrmaligem Anschauen eines Video-Clips in verschiedensten Bereichen – von Dart-Würfen über Tanzbewegungen bis hin zu einem Geschicklichkeitsspiel.

Diese Befunde zeigen die Probleme und Grenzen der Selbsteinschätzung auf. Gerade in Zeiten, in denen Videos für allerlei Tätigkeiten (beispielsweise über YouTube) stets verfügbar sind, kann uns die „Illusion des Könnens“ in die Irre führen. Dahingehend sollte stets genügend Zeit zum tatsächlichen Üben eingeplant werden, damit die Tricks aus Videos genauso gut in der Realität gelingen. Vielleicht fördert das vorherige Ansehen von entsprechenden Videos diesen Lernprozess, sodass das Üben schneller zum Erfolg führt. Diese Frage sollte in Zukunft noch untersucht werden.

 

Kardas, M., & O’Brien, E. (2018). Easier seen than done: Merely watching others perform can foster an illusion of skill acquisition. Psychological Science, 29, 521–536. doi:10.1177/0956797617740646

Redaktion und Ansprechpartner*in1: Janin Rössel1, Lea Nahon

 

 



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