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„Ich esse nichts, was Augen hat“

Je mehr wir einem Fleischgericht das ursprüngliche Tier ansehen, desto weniger wollen wir es essen.

Wir Menschen essen gerne „Fleisch“. Hierzulande liegt der Durchschnittskonsum laut Statistischem Bundesamt bei 60 Kilogramm pro Jahr. Was wir Menschen dagegen nicht so gerne essen, sind „tote Tiere“. Schließlich fühlt es sich für die meisten von uns nicht besonders gut an, bewusst etwas zu essen, das einmal gelebt hat, das Freude und Schmerz empfinden konnte und das im Schlachthaus ein qualvolles Ende gefunden hat. Der Widerspruch ist offensichtlich und wird in der Psychologie als „das Fleisch-Paradox“ bezeichnet: Wir Menschen lieben Tiere und essen sie trotzdem.

Es gibt viele Strategien, um diesen Widerspruch aufzulösen. Die konsequenteste wäre, die eigenen Essgewohnheiten zu ändern und sich der stetig wachsenden Zahl der vegetarisch oder vegan lebenden Menschen anzuschließen. Einfacher scheint es allerdings, zu verdrängen, dass das, was da auf dem Teller liegt, einmal ein Lebewesen war. Die Fleischindustrie in westlichen Ländern macht uns das leicht, denn den Produkten, die man an Fleischtheken und Kühlregalen erhält, sieht man das Tier meist nicht mehr an. Doch was würde passieren, wenn man das Essen auf dem Teller noch deutlich als Tier erkennen könnte? Würde uns der Appetit vergehen?

Eine norwegische Forschungsgruppe um Jonas Kunst ging dieser Frage nach. Sie vermutete, dass weniger verarbeitetes im Vergleich zu stärker verarbeitetem Fleisch über zwei Wege die Bereitschaft zum kulinarischen Konsum reduziert: Zum einen sollte die stärkere Assoziation mit dem Tier zu mehr Empathie mit diesem führen. Zum anderen sollte der Ekel vor dem Fleischkonsum steigen.

In der Tat konnten die Forschenden ihre Vermutung in mehreren Studien bestätigen. So empfanden beispielsweise Teilnehmende in den USA mehr Empathie für ein Schwein und mehr Ekel vor dem Konsum desselben, wenn sie ein Bild von einem Schweinebraten gezeigt bekamen, auf dem der Schweinekopf zu sehen im Vergleich zu wegretuschiert worden war. Erhöhte Empathie und Ekel führten wiederum zu einer geringeren Bereitschaft, den Schweinebraten zu essen. Gleichzeitig steigerten sie die von den Teilnehmenden eingeschätzte Wahrscheinlichkeit, sich für eine vegetarische Alternative zu entscheiden.  

Doch sind solche Prozesse auch zu beobachten, wenn Menschen den Anblick von Schweine- und anderen Tierköpfen gewohnt sind? In Südamerika oder Asien beispielsweise werden Tiere schließlich in aller Öffentlichkeit auf Märkten geschlachtet und traditionell im Ganzen dargeboten. Um potentiellen kulturellen Unterschieden nachzugehen, führte die Forschungsgruppe die Schweinebraten-Studie noch einmal in Ecuador und den USA durch und verglich die Ergebnisse beider Stichproben. Dabei zeigte sich, dass der Anblick des Schweinekopfs auch bei den ecuadorianischen Befragten mehr Empathie und Ekel auslöste, was wiederum die Bereitschaft, den Schweinebraten zu essen, senkte und die eingeschätzte Wahrscheinlichkeit, sich für eine vegetarische Alternative zu entscheiden, erhöhte. Diese Effekte waren aber deutlich geringer als bei den US-amerikanischen Teilnehmenden.

Wir Menschen scheinen also im Allgemeinen Probleme damit zu haben, etwas zu essen, das wir noch als Tier wahrnehmen – auch wenn es kulturelle Unterschiede in der Ausprägung dieses Problems gibt. Offenbar kann der regelmäßige Anblick toter Tiere abhärten, aber den Konflikt, den viele Menschen wegen ihres Fleischkonsums mit sich selbst austragen, nicht auflösen.

 

Kunst, J. R., & Hohle, S. M. (2016). Meat eaters by dissociation: How we present, prepare and talk about meat increases willingness to eat meat by reducing empathy and disgust. Appetite, 105, 758-774. doi: 10.1016/j.appet.2016.07.009

Kunst, J. R., & Palacios Haugestad, C. A. (2018). The effects of dissociation on willingness to eat meat are moderated by exposure to unprocessed meat: A cross-cultural demonstration. Appetite, 120, 356-366. doi: 10.1016/j.appet.2017.09.016

Redaktion und Ansprechpartner*in: Bianca von Wurzbach

 

 



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