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Wer Mängel sucht, der findet

Ob uns das Essen schmeckt, hängt davon ab, was wir vorher über seine Inhaltsstoffe erfahren.

Ein kühles Bier am Abend – vielleicht auch zwei, drei oder vier – bedeutet für viele wohlverdienten Genuss am Ende eines langen Tages. 115,5 Liter Bier trank der Durchschnittsdeutsche im Jahr 2004. Wenn auch Ihnen beim Gedanken an ein frisch gezapftes Pils bereits das Wasser im Mund zusammenläuft, denken Sie jetzt bitte an eine Essigflasche, aus der einige saure Tropfen in Ihrem Bierglas landen. Igitt? Nicht unbedingt.

Die amerikanischen Wissenschaftler Leonard Lee, Shane Frederick und Dan Ariely setzten 388 Pub-Besuchern zwei Gläser mit Bier vor. Während das eine Glas gewöhnliches Budweiser oder Samuel Adams enthielt, waren dem Gebräu in der anderen Probe wenige Tropfen Balsamico beigemischt. Zwei erstaunliche Ergebnisse zeigten sich. Erstens: Bier mit Essig schmeckt gar nicht so schlecht. Zweitens: Ob jemand das Bier mit dem Extraschuss mag, hängt davon ab, wann dieser Jemand vom Essig erfährt.

Ausschlaggebend war, ob die Versuchspersonen schon vom Essig wussten, als sie die Gläser leerten. Denn was wir wissen, beeinflusst, was wir fühlen oder - wie in diesem Fall - was wir schmecken. Ob uns ein Film gefällt, hängt auch davon ab, was wir von ihm erwarten. Die grüne Suppe schmeckt dem Kind nur, wenn Mama nicht verrät, dass Spinat drin ist. Das Lieblingsbier dagegen ist nur dann wirklich lecker, wenn auch das richtige Etikett auf der Flasche klebt. Und - auch das zeigte eine Studie - Vanilleeis, das mit hohem Fettgehalt ausgewiesen ist, schmeckt besser, als Vanilleeis, auf dem "wenig Fett" steht. Egal, wieviel Fett tatsächlich darin ist.

Auch die Bier-Studie lässt sich hier einreihen: Versuchspersonen, denen vor dem Probieren mitgeteilt wurde, dass und in welchem Glas sich Essig im Bier befand, gaben nach dem Leeren der Gläser größtenteils an, das normale Bier hätte ihnen besser geschmeckt. Wer jedoch von dem Balsamico noch nichts wusste, bewertete die Essig-Variante weit positiver. 59 Prozent derjenigen, die vom Essig nichts ahnten, zogen das von den Forschern als „MIT-Brew“ bezeichnete Bier der Standard-Variante vor.

Was Leonard Lee und seine Kollegen nun herauszufinden versuchten, war, ob eine bestimmte Information – das Wissen um Essig im Bier oder Spinat in der Suppe – nur das Urteil beeinflusst oder auch das Geschmackserlebnis. Anders gefragt: Wird das Essig-Bier deswegen schlecht bewertet, weil es denjenigen, die um den Essig wissen, wirklich nicht schmeckt, oder nur, weil sie glauben, es könne ja gar nicht schmecken?

Eine dritte Gruppe von Versuchspersonen, die nach dem Probieren, aber vor der Bewertung vom Essig erfuhr, brachte hier Klarheit: Die Information alleine beeinflusst das Urteil nicht. Auch aus dieser Gruppe nämlich präferierten mehr als die Hälfte das Bier mit Schuss. Das Wissen, Essig getrunken zu haben, mag die Leute überrascht haben – geschmeckt hat es ihnen dennoch. Nur diejenigen, die schon vorher gewusst hatten, sie würden Essig-Bier trinken, beurteilten dieses größtenteils schlechter als das normale Bier. Zu vermuten ist, dass sie sich auf ein unangenehmes Geschmackserlebnis einstellten und versuchten, diese Einstellung zu bestätigen. Wenn wir etwas Schlechtes erwarten, finden wir auch allerhand zu kritisieren, das uns andernfalls vielleicht gar nicht auffiele. Man sollte dem Kind also erst dann verraten, dass Spinat in der Suppe ist, wenn es bereits verkündet hat, wie lecker das Essen war.

 

Lee, Frederick & Ariely (2006). Try it, you'll like it. The influence of expectation, consumption, and revelation on preferences for beer. Psychological Science, 17 (12), 1054-1058.



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