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Ich habe doch bloß die Wahrheit verschwiegen!

Es ist wahrscheinlicher, dass Personen die Wahrheit verschweigen als eine Lüge zu erzählen, um ihren eigenen Nutzen zu erhöhen.

Für ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt erhält Leon einen Bonus von seiner Chefin. Da Leon für diesen Erfolg nicht allein verantwortlich war, sollte er die Situation aufklären und den Bonus mit seinen KollegInnen teilen. Um den ganzen Bonus einheimsen zu können, müsste Leon aber einfach die Wahrheit verschweigen. Stellen wir uns in einer anderen Situation vor, dass Leon von seiner Chefin direkt gefragt wird, ob noch andere KollegInnen an dem Erfolg beteiligt waren. Um in dieser Situation den ganzen Bonus für sich behalten zu können, müsste Leon die Frage verneinen und somit aktiv lügen. Würde Leon in beiden Situationen gleich häufig ein falsches Bild von der Mitarbeit seiner KollegInnen vermitteln, um seinen eigenen Nutzen zu erhöhen?

Bisherige Forschung zeigt, dass das Verschweigen der Wahrheit für moralisch akzeptabler gehalten wird als das Erzählen einer Lüge, auch wenn beides zum selben Ergebnis führt. Andrea Pittarello und ihr Forschungsteam haben sich daher mit der Frage beschäftigt, ob Personen ihren eigenen Nutzen eher erhöhen, indem sie die Wahrheit verschweigen als eine Lüge zu erzählen.

In einer Studie wurde am Computer ein Münzwurf simuliert. Den Teilnehmenden wurde mitgeteilt, dass sie nur dann an einer Lotterie teilnehmen konnten, bei der es 20 Dollar zu gewinnen gab, wenn der Münzwurf „Kopf“ ergab. Zudem wurden sie darüber informiert, dass die Software manchmal Fehler mache und ein falsches Feedback bezüglich ihrer Berechtigung zur Lotterieteilnahme geben könnte.

Für alle Teilnehmenden ergab der Münzwurf „Zahl“. Somit war niemand berechtigt, an der Lotterie teilzunehmen. Der Hälfte der Teilnehmenden wurde jedoch fälschlicherweise das Feedback angezeigt, dass sie an der Lotterie teilnehmen konnten. Anschließend wurden sie gefragt, ob sie bei ihrem Feedback einen Fehler festgestellt hatten. Nun konnten die Teilnehmenden entweder ehrlich sein und den Fehler in der Software melden oder die Wahrheit verschweigen, indem sie angaben, keinen Fehler gefunden zu haben. Der anderen Hälfte der Teilnehmenden wurde hingegen richtigerweise angezeigt, dass sie verloren hatten und nicht an der Lotterie teilnehmen konnten. Auch sie wurden gefragt, ob sie bei ihrem Feedback einen Fehler festgestellt hatten. Nun konnten sie entweder lügen, indem sie angaben, einen Fehler in ihrem Feedback gefunden zu haben,  oder ehrlich sein, indem sie angaben, keinen Fehler gefunden zu haben.

Es zeigte sich, dass in der Gruppe, in der das Verschweigen der Wahrheit die Lotterieteilnahme ermöglichte, viel öfter geschummelt wurde als in der Gruppe, in der die Teilnehmenden aktiv lügen mussten, um in die Lotterie zu kommen. Den Ergebnissen zufolge sollte Leon also eher unehrlich in Bezug auf die Mitarbeit seiner KollegInnen sein, wenn er die Wahrheit bloß verschweigen muss anstatt auf die direkte Nachfrage seiner Chefin hin aktiv lügen zu müssen. 

 

Pittarello, A., Rubaltelli, E., & Motro, D. (2016). Legitimate lies: The relationship between omission, commission, and cheating. European Journal of Social Psychology, 46, 481-491. doi:10.1002/ejsp.2179

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Jennifer Eck*, Thomas Dyllick-Brenzinger

 



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