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Komplimente mit fadem Beigeschmack?

Wenn Individuen ein positives Vorurteil hören, nehmen sie automatisch an, dass ihr Gegenüber ihnen gegenüber voreingenommen ist und auch negative Vorurteile hat.

Christian will schon lange mit Lisa ausgehen. Schließlich gibt er sich einen Ruck und offenbart ihr, dass er sie sehr möge und dass er es sehr lobenswert fände wie warmherzig Frauen im Allgemeinen seien. Diese Qualität würde er auch an ihr besonders schätzen. Als er sie jedoch auf einen Kaffee einlädt, lehnt sie dankend ab. Christian ist völlig frustriert und fragt sich was schiefgelaufen ist.

Die Forschenden John Oliver Siy und Sapna Cheryan haben sich mit dieser Frage beschäftigt: Wie wirken sich Vorurteile, auch Stereotypen genannt, aus, wenn sie positiv sind? Also zum Beispiel die Annahme, dass Frauen im Allgemeinen warmherzig seien? Sie vermuteten, dass ein positives Vorurteil nicht in einem positiven Eindruck resultiert, sondern bei den Empfängerinnen und Empfängern dazu führt, dass sie sich auf ihre Gruppenzugehörigkeit reduziert fühlen. Weiterhin nahmen sie an, dass eine Person, die ein positives Vorurteil äußert, zugleich den Eindruck vermittelt auch negative Vorurteile zu haben.

Um diese Annahme zu testen, führten sie mehrere Untersuchungen durch. Eine Studie untersuchte, wie sich die Äußerung positiver Vorurteile gegenüber Frauen (z.B. Frauen sind warmherzig und fürsorglich) auf deren Wahrnehmung des Gegenübers auswirken. In der Studie wurden Studentinnen zufällig auf drei Gruppen aufgeteilt. Ein Teil der Studentinnen bekam einen Text, in dem ein Mann ein positives Vorurteil gegenüber einer Frau äußerte. Die zweite Gruppe erhielt einen Text, in dem die Frau nicht stereotypisiert wurde. Eine dritte Gruppe las einen Text, in dem eine Frau wie bei Gruppe 1 von einem Mann als warmherzig bezeichnet wurde, jedoch auf individueller Basis und nicht als Verallgemeinerung auf Grund ihres Geschlechts. Anschließend wurden die Teilnehmerinnen gefragt für wie sexistisch und voreingenommen sie den dargestellten Mann hielten. Das Ergebnis der Untersuchung bestätigte die Theorie der Forscher. Die Frauen, die den Text gelesen hatten, in dem eine Frau Eigenschaften auf Grund ihres Geschlechts zugesprochen bekam (ein positives Vorurteil), stuften den dargestellten Mann als  voreingenommener ein und hielten es für wahrscheinlicher, dass er auch negative Vorurteile gegenüber Frauen hat. Zudem fühlten sie sich eher auf ihr Geschlecht reduziert. Dieses Muster bestätigte sich in einer nachfolgenden Studie, in der AmerikanerInnen mit asiatischen Wurzeln eine Person als rassistischer beurteilten, wenn diese zuvor erwähnte, dass Personen asiatischer Herkunft gut in Mathe seien.

Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass nicht nur negative Vorurteile wie beispielsweise „Frauen sind zu emotional“ oder „Asiaten sind distanziert“ an das adressierte Individuum ein Signal von Voreingenommenheit senden, sondern auch positive Vorurteile. Das muss nicht bedeuten, dass ein freundlich gemeintes Kompliment sofort negative Assoziationen hervorruft - dennoch sollte man es vermeiden eine Person auf ein Vorurteil zu reduzieren, ob positiv oder negativ.

Daher könnte man spekulieren: Hätte Christian zu Lisa gesagt, dass er sie warmherzig finde und nicht betont, dass sie warmherzig sei, weil sie eine Frau sei, dann hätte sie vielleicht auch die Einladung zum Kaffee angenommen.

 

Siy, J. O., & Cheryan, S. (2016). Prejudice masquerading as praise: The negative echo of positive stereotypes. Personality and Social Psychology Bulletin, 42 (7), 941-954. doi: 10.1177/0146167216649605

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Mariela Jaffé*, Katrin Bayer

 



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