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Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Optimisten sind glücklicher als Pessimisten.

Fast schon sprichwörtlich ist die Frage, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist. Wer das Glas halb voll sieht, ist optimistischer Natur – wer es halb leer sieht, ist pessimistischer Natur. Die einen orientieren sich am Guten, die anderen fürchten das Schlimmste. Soweit so gut – doch ist das eine oder andere besser?

 

Ursprünglich handelt es sich bei Optimismus und Pessimismus um zwei philosophische Positionen. In der Theodizee vertrat Leibniz die optimistische Auffassung, dass wir in der bestmöglichen aller Welten leben und die Welt grundsätzlich eher Gutes für uns bereit hält. Voltaire hingegen polemisierte im Candide Leibnizens Optimismus-Annahme und postulierte, dass die Welt schlecht sei und von ihr nichts weiter als Schlechtes erwartet werden könne. Voltaire war damit ein typischer Pessimist. Welche der beiden Positionen grundsätzlich richtig ist, ist eine philosophische Frage und als solche unbeantwortbar. Ob es allerdings besser ist, eine optimistische Einstellung zu haben oder eine pessimistische, ist eine psychologische Frage – und auf diese gibt es eine Antwort.

 

So konnte in einer Vielzahl psychologischer Studien gezeigt werden, dass Optimisten glücklicher sind als Pessimisten. Zum Beispiel finden sich unter den Optimisten viel weniger depressive Menschen als unter den Pessimisten. Und Optimisten sind im Durchschnitt selbstsicherer, selbstverwirklichter, autonomer, angepasster und ausgeglichener, ja insgesamt seelisch gesünder.

Den Forschungsergebnissen zufolge ist Optimismus also gut für die Psyche und es erscheint klug, das Glas als halb voll (und nicht als halb leer) zu sehen. Erstaunlicherweise scheinen Menschen sich im Allgemeinen auch nach diesem Grundsatz zu verhalten, indem sie eher zu optimistischen als zu pessimistischen Einstellungen tendieren. Dabei überschätzen Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen persönlich etwas Gutes passieren wird, und unterschätzen gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen etwas Negatives zustößt. So stufen wir zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, einen Lottogewinn zu erzielen (positives Ereignis), für uns selbst größer ein als für andere. Demgegenüber zeigen Studien, dass die meisten Menschen glauben, die Wahrscheinlichkeit in einem Flugzeugabsturz zu sterben (negatives Ereignis) sei für sie selbst geringer als für andere. Die meisten Menschen sind damit unrealistische Optimisten.

 

Da Optimismus viele positive Konsequenzen hat, trägt unrealistischer Optimismus häufig zum eigenen Wohlbefinden bei. Gleichzeitig birgt unrealistischer Optimismus aber auch Gefahren: Wer glaubt, alles meistern zu können, begibt sich möglicherweise allzu blauäugig in gefährliche Situationen oder erkennt nicht, wann es an der Zeit ist, ein lange erfolglos verfolgtes Ziel endlich aufzugeben. Außerdem wäre es möglich, dass Personen mit unrealistischem Optimismus leichtfertiger selbstschädigenden Verhaltensweisen nachgehen, ganz nach dem Motto: „Ich bekomme sowieso keinen Lungenkrebs, dann kann ich auch täglich zwei Schachteln Zigaretten rauchen.“ Dennoch scheinen alles in allem die positiven Konsequenzen eines unrealistisch hohen Optimismus die negativen zu überwiegen. Es scheint also, als wäre ein halb volles Glas unterm Strich gesünder als ein halb leeres!

 

Taylor, E.S. & Brown, J.D. (1988). Illusion and well-being: A social psychological perspective on mental health. In: Psychological Bulletin, 103 (2), 193-210.



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