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Wer will das letzte Stück Kuchen?

Knappe Güter werden langsamer verbraucht, wenn sie auch von anderen, als gleichberechtigt wahrgenommenen Menschen begehrt werden.

Mit Sicherheit kennen Sie folgende Situation: Sie sind auf einer Geburtstagsparty, es gibt leckeren Geburtstagskuchen. Nun liegt noch ein letztes Stück auf dem Tablett. Und keiner will es nehmen, auch nicht nachdem der Gastgeber ausdrücklich darum gebeten hat, einer möge doch das letzte Stück essen. Erst am Ende der Party „erbarmt“ sich jemand und greift doch zu. Aber wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Ist es nicht eigentlich so, dass eine knappe Ware an Attraktivität gewinnt und Menschen deshalb dazu neigen, selbige eigennützig aufzuteilen? Wieso aber will zunächst niemand das letzte Stück Kuchen?

Diesen Fragen widmeten sich die Psychologen Daniel Effron und Dale Miller von der Stanford Universität in den USA. In einer ihrer Studien wurden die teilnehmenden Personen vor die Wahl gestellt, eine attraktive (Testen von Süßwaren) oder eine unattraktive Aufgabe (Ausfüllen von Fragebögen) zu bearbeiten. Den Personen in der Experimentalgruppe wurde gesagt, dass die attraktive Aufgabe nur von einer Person gelöst werden dürfe. In der Kontrollgruppe gab es diese Einschränkung nicht. Die Teilnehmenden befanden sich zusammen mit einem Komplizen des Versuchsleiters im Raum, der sich nie als erstes meldete, so dass die Entscheidung für eine der Aufgaben den Teilnehmenden überlassen wurde. Gemessen wurde die Zeit, bis sich der oder die Teilnehmende für die attraktive Aufgabe meldete. Die Ergebnisse zeigen, dass Personen in der Experimentalgruppe durchschnittlich länger warteten, um sich für die attraktive Aufgabe zu melden, als solche in der Kontrollgruppe.

Die Forscher nennen dieses Phänomen „Diffusion des Anspruchs“. Je mehr Personen ein attraktives Gut haben wollen, im Verhältnis zu jenen, die es haben können, desto unberechtigter fühlt sich der oder die Einzelne, das Gut zu nehmen. Und desto mehr Zeit verstreicht, bis das Gut schließlich doch genommen wird. Hier greifen soziale Normen wie die der Gleichbehandlung. Wenn solche Normen aktiviert sind, dann wird bei Knappheit der Güter zeitverzögert konsumiert. Solch ein normatives Verhalten zeigt sich umso ausgeprägter, je mehr Menschen um ein knappes Gut konkurrieren. Interessanterweise kommt es zu keiner Diffusion des Anspruchs, wenn sich einer oder eine berechtigter fühlt als die anderen, zum Beispiel aufgrund hierarchischer Strukturen.

Viele Untersuchungen zeigen auf, dass bei Knappheit eines Gutes der Konsum erhöht wird und dass es Menschen dazu bringt, dieses Gut stärker zu verlangen. Gleichzeitig kann es aber auch zu einer Unterdrückung der Motivation kommen, das Gut zu nehmen. Dieser Effekt tritt eben in Situationen auf, in denen grundsätzlich eine Gleichheitsnorm besteht.

So lässt sich auch erklären, warum auf einer Geburtstagsparty niemand das letzte Stück Kuchen isst. Es greift die soziale Norm und niemand fühlt sich befugt genug, das letzte Stück für sich zu beanspruchen. Zunächst, vermutlich erbarmt sich dann doch einer, wenn man nur lange genug wartet.

 

Effron, D. A., & Miller, D. T. (2010). Diffusion of entitlement: An inhibitory effect of scarcity on consumption. Journal of Experimental Social Psychology, 47, 378-383.



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