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Wenn Chefs beißen und kratzen …

Personen in Machtpositionen verhalten sich aggressiver, wenn sie sich inkompetent fühlen.

"Guten Morgen, Herr Schmidt. Kein Problem, die Viertelstunde. Auf einen wertvollen Mitarbeiter wie Sie warte ich doch gerne. Ihr Kaffee steht übrigens schon auf dem Tisch." Eine solche Begrüßung des Chefs oder der Chefin bei Verspätung kommt für die meisten wohl einem Wunschtraum gleich. Denn die Realität sieht häufig leider anders aus: bis zu 37% der ArbeitnehmerInnen wurden in ihrer Berufslaufbahn schon einmal von ihren Vorgesetzen (beiderlei Geschlechts) schikaniert, zum Beispiel durch Schreien oder Beleidigung. Was bringt Personen in Führungspositionen dazu, ihre Macht gegen ihre Mitarbeiter zu richten und dabei manchmal sogar persönlich verletzend zu sein?

Das Forschungsteam um Nathanael Fast und Serena Chen hat dazu untersucht, ob sich eine Führungsperson aggressiv verhält, wenn sie sich in einer Situation als wenig kompetent empfindet. Die zugrundeliegende Vermutung war, dass das Innehaben einer Machtposition mit der Erwartung einhergeht, besonders kompetent erscheinen zu müssen. Führungspersonen, die ihre Kompetenz in einer Situation gering einschätzen, sollten sich aus diesem Grund in ihrem Selbstwert bedroht fühlen. Dies wiederum sollte sie dazu antreiben, ihren Selbstwert durch aggressives Verhalten zu verteidigen.

Fast und Chen baten die Teilnehmenden ihrer Studie, zwei Briefe über zurückliegende Ereignisse zu schreiben. Je nach Bedingung sollten sie im ersten Brief eine Situation beschreiben, in der sie sich kompetent oder inkompetent gefühlt hatten. Im zweiten Brief sollten sie – wieder je nach Bedingung – eine Situation beschreiben, in der sie sich mächtig oder nicht mächtig gefühlt hatten. Anschließend wurden sie gebeten, Geräusche unterschiedlicher Lautstärke auszuwählen, die (angeblich) in einer anderen Studie als Strafreize eingesetzt würden. Da aggressivere Personen eher lautere und damit unangenehmere Töne auswählen, kann anhand der Tonauswahl die Aggressivität der ProbandInnen abgeschätzt werden.

In der Tat muteten diejenigen Teilnehmenden, die Berichte über Situationen mit hoher Macht und niedriger Kompetenz geschrieben hatten, den vermeidlichen Probanden unangenehmere Töne zu. Es ist zu vermuten, dass sie sich in ihrem Selbstwert bedroht fühlten und deshalb durch aggressives Verhalten verteidigten. Tatsächlich konnten Fast und Chen in einem weiteren Experiment zeigen, dass durch eine Erhöhung des Selbstwertes aggressives Verhalten verringert werden kann. Der Selbstwert wirkt also auf diese Weise gewissermaßen als „Puffer“ gegen Aggressivität.

Wenn die ihnen vorgesetzte Person das nächste Mal also einen etwas zu barschen Ton anschlägt, dann kann es also möglicherweise Wunder wirken, sie an ihr Können und ihre Führungsposition zu erinnern.

 

Fast, N. J.; Chen, S. (2009). When the Boss feels inadequate. Psychological Science, 20(11), 1406-1413.



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