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Mögen andere Personen uns mehr, als wir denken?

Nach Gesprächen mit fremden Personen unterschätzen die meisten Menschen, wie sehr ihr Gegenüber sie mag.

Ob im Urlaub, im Café oder im Zug - es gibt ganz unterschiedliche Situationen, in denen wir mit fremden Personen ins Gespräch kommen. Solche Gespräche sind ein wichtiger Bestandteil unseres sozialen Lebens. Gleichzeitig wissen wir in der Regel aber nicht, was unser Gegenüber wirklich über uns denkt. Finden unsere Gesprächspartner*innen uns sympathisch oder sprechen sie möglicherweise nur aus Höflichkeit mit uns?

Ein Forschungsteam um Erica Boothby nahm an, dass Personen ihre Wirkung auf fremde Gesprächspartner*innen oftmals zu pessimistisch einschätzen. Für diese pessimistische Einschätzung sehen die Forschenden vor allem folgende Gründe: Zum einen kann es sein, dass die Gesprächspartner*innen ihre tatsächlich empfundene Sympathie aus Angst vor Zurückweisung gar nicht erst zeigen. Andererseits ist es möglich, dass die Gesprächspartner*innen sehr wohl Zeichen der Sympathie zeigen, diese aber vom Gegenüber übersehen werden, weil man zu sehr mit sich selbst und mit dem, was man sagen möchte, beschäftigt ist. Zusätzlich ist man nach Gesprächen häufig zu selbstkritisch, weil das Gespräch nur selten nach den eigenen Idealvorstellungen verlaufen ist.

Um ihre Annahmen zu testen, haben die Forschenden mehrere Studien durchgeführt. In einer ersten Laborstudie sollten sich jeweils zwei gleichgeschlechtliche Versuchspersonen, die sich zuvor nicht kannten, für etwa fünf Minuten unterhalten. Anschließend gaben sie in getrennten Räumen an, wie sehr sie ihr Gegenüber mochten. Zusätzlich sollten sie einschätzten, wie sehr ihr Gegenüber sie vermutlich mochte. Wie erwartet unterschätzten die meisten Versuchspersonen nach dem Gespräch, wie sehr sie von ihrem Gegenüber gemocht wurden.

Warum kommt es aber zu dieser Unterschätzung? Wird die gegenseitige Sympathie nicht richtig erkannt, weil die Sympathie nicht gezeigt wird oder weil Zeichen der Sympathie vom Gegenüber übersehen werden? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Forschenden die Gespräche aus der ersten Studie auf Video aufgezeichnet und zwei außenstehenden Personen gezeigt. Diese sollten als neutrale Beobachtende einschätzen, wie sehr die gezeigten Gesprächspartner*innen einander mochten. In der Tat konnten die Beobachtenden ganz gut einschätzen, wie sehr die Gesprächspartner*innen einander mochten. Dies spricht dafür, dass die Versuchspersonen ihre Sympathie zwar offen zeigten, die Zeichen der Sympathie aber häufig von ihrem Gegenüber übersehen wurden. Eine weitere Studie zeigte zudem, dass die Unterschiede in der wahrgenommenen Sympathie teilweise auch durch eine zu kritische Selbstsicht erklärt werden konnten. So glaubten die Versuchspersonen, dass ihr Gegenüber negativer über sie und das Gespräch dachte, als dies tatsächlich der Fall war.

Wenn wir also in Zukunft wieder einmal mit einer fremden Person ins Gespräch kommen, sollten wir versuchen, mehr auf Zeichen der Sympathie zu achten. Da dies aber nicht immer gelingen wird, sollten wir auch unsere erste Einschätzung des Gesprächs noch einmal überdenken und dabei ruhig etwas optimistischer sein - es besteht die Möglichkeit, dass unsere erste Einschätzung zu selbstkritisch war.

 

Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The liking gap in conversations: Do people like us more than we think? Psychological Science, 29(11), 1742-1756. doi:10.1177/0956797618783714

Redaktion und Ansprechpartner*in¹: Jennifer Eck¹, Michael Wagner

 



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