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Im Notfall habe ich einen Plan B – es kann nichts schiefgehen. Oder etwa doch?

Das Vorbereiten eines Plan Bs zur Erreichung eines Ziels kann zu einer schlechteren Leistung führen.

Ein wichtiger Vortrag steht an und Tim, der Referent, möchte unbedingt frei sprechen, um Kontakt zum Publikum herzustellen. Trotzdem hat er sich sorgfältig vorbereitete Notizen zurechtgelegt – als Backup, falls er sich verhaspeln oder etwas vergessen sollte. Doch ist ein solcher „Plan B“ eigentlich sinnvoll?

Laut den Forschenden Christopher Napolitano und Alexandra Freund dürfte die Vorbereitung der Notizen eher dazu führen, dass Tim es nicht schafft, frei zu reden. Sie bezeichnen dieses Phänomen, wenn ein Plan B der Umsetzung des Ursprungsplans abträglich ist, als „Backup Plan Paradox“. Sie vermuten, dass dieser Effekt auftritt, weil ein ausgearbeiteter Plan B eher genutzt wird und die Überzeugung hinsichtlich Plan A senkt. So wird einerseits weniger in Plan A investiert, anderseits bringt der Wechsel zu Plan B Leistungseinbußen mit sich. Beispielsweise wird Tim, sollte er ins Stocken geraten, eher zu seinen Notizen greifen, anstatt einfach weiterzureden. Da er sich erst auf den Karteikarten zurechtfinden muss, verlängert sich die Sprechpause und der Augenkontakt zum Publikum geht verloren, was seine Leistung beeinträchtigt.

Die Annahmen wurden in mehreren Studien untersucht. Zum Beispiel sollten sich Teilnehmende auf eine hypothetische Verhandlung mit einem Chemiekonzern vorbereiten, um diesen von umweltfreundlicheren Praktiken zu überzeugen. Dazu erhielten sie zunächst einen Überblick über drei mögliche Verhandlungsstrategien, die sich auf je einen Bereich, wie wirtschaftliche Vorteile, bezogen. Aus diesen sollten die Teilnehmenden ihren Plan A wählen und konnten danach die Argumente sichten. Ihnen stand es frei, sich auch mit Argumenten aus anderen Bereichen zu beschäftigen.

In der folgenden Phase konnten die Teilnehmenden in mehreren Runden auswählen, zu welchem Bereich sie eine Frage erhielten. Dabei zeigte sich, dass Teilnehmende, die sich nur auf ihren Plan A vorbereitet hatten, im Schnitt mehr Fragen richtig beantworteten als jene, die sich auch mit einem anderen Bereich beschäftigt hatten. Ein Plan B ging also mit einer schlechteren Leistung einher, was nicht einfach durch die Menge an gelesenen Informationen erklärbar war. Je mehr Teilnehmende aber zuvor in andere Bereiche durch die Auseinandersetzung mit weiteren Argumenten investiert hatten und je überzeugter sie von den Alternativen waren, desto eher wählten sie auch Fragen aus einem anderen Bereich. Dieses Einsetzen eines Plan Bs wiederum führte zum schlechteren Abschneiden.

Die Befunde zeigen, dass das Entwickeln eines Plan Bs unter Umständen zu einer schlechteren Leistung führen kann. Denn mit dem Investieren in einen Plan B steigt auch die Wahrscheinlichkeit, diesen tatsächlich einzusetzen. Trotzdem muss ein Plan B nicht immer schlecht sein. Im Beispiel von Tim ist es denkbar, dass er dank der Notizen weniger nervös ist. Laut den Forschenden sollte ein Plan B aber insbesondere dann problematisch sein, wenn die Vorbereitungszeit oder andere Ressourcen begrenzt sind und der Wechsel zu Plan B Kosten mit sich bringt – bei Tim beispielsweise die Gefahr, zusätzlich ins Stocken zu geraten und den Augenkontakt zum Publikum zu verlieren. Eine Lösung könnte sein, dass Tim seine Notizen möglichst kurz hält. So bleibt ihm einerseits mehr Zeit zum Einüben des Vortrags, anderseits wird er weniger versucht sein, die Notizen zu nutzen und hat so höhere Chancen, den Vortrag frei zu halten.

 

Napolitano, C. M., & Freund, A. M. (2017). First evidence for “The backup plan paradox”. Journal of Experimental Psychology: General, 146, 1189–1203. doi: 10.1037/xge0000331

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Janin Rössel*, Lea Nahon

 



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