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Jungs lesen schlechter als Mädchen? – Die Macht der Stereotype

Wenn Jungs mit dem Stereotyp konfrontiert werden, dass sie schlechter lesen können als Mädchen, zeigen sie tatsächlich eine schlechtere Leseleistung.

Schulleistungsuntersuchungen wie die PISA-Studie sollen das Wissen und die geistigen Fähigkeiten von Kindern erfassen und vergleichen. Dabei zeigen sich immer wieder geschlechtsabhängige Leistungsunterschiede. So sind die Ergebnisse von Jungs im Bereich Mathematik meist besser als die der Mädchen. Umgekehrt übertreffen Mädchen ihre männlichen Mitstreiter häufig bei Weitem im Lesen. Doch bedeutet dies, dass Jungs von Natur aus besser rechnen und Mädchen besser lesen können?

Bisherige Forschung zeigt auf, dass geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede im Fach Mathematik auch darauf zurückgeführt werden können, dass Mädchen in diesem Bereich einem negativen Stereotyp ausgesetzt sind („Mädchen können nicht so gut rechnen wie Jungs“). So befürchten Mädchen häufig, diese negativen Erwartungen zu bestätigen, und empfinden einen erhöhten Leistungsdruck. Von diesen Gefühlen und Gedanken in ihrer geistigen Leistung beeinträchtigt, erzielen Mädchen letztlich oft schlechtere Rechenergebnisse.

Auf diesen Befunden aufbauend nahm ein Forschungsteam um Pascal Pansu an, dass sich auch die geschlechtsspezifischen Leistungsunterschiede im Lesen zumindest teilweise mit dem Einfluss von stereotypen Erwartungen erklären lassen. Hier sollten sich also Jungs durch ein negatives Stereotyp bedroht sehen („Jungs können nicht so gut lesen wie Mädchen“) und aufgrund des stärker erlebten Drucks schließlich einen Leistungseinbruch zeigen. Dieser Effekt wurde insbesondere bei den Jungs vermutet, für die Lesen sehr wichtig ist, da mit der Bedeutung des Lesens auch der Leistungsdruck zunehmen sollte.

Um diese Annahmen zu untersuchen, wurde ein Experiment an einer Schule mit Kindern der 3. Klasse durchgeführt. Diesen wurde eine Leseaufgabe vorgelegt, in der sie Tiernamen unterstreichen sollten. Dabei wurden die Kinder zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die Sprösslinge der ersten Gruppe erhielten die Information, dass der Test ihre Lesekenntnisse messen würde. Hierdurch sollte indirekt das Stereotyp aktiviert werden, dass Mädchen besser lesen können als Jungs, was letztlich die Leseleistung der Jungs verringern sollte. Den Kindern der zweiten Gruppe wurde gesagt, dass es sich bei der Aufgabe um ein Spiel handle. Diese Angabe sollte keine Auswirkung auf die Lesefähigkeit der Jungs haben. Zudem wurden die Kinder gefragt, wie wichtig ihnen Lesen sei.

Wie erwartet zeigte sich, dass das Lesevermögen der Jungs nicht eingeschränkt wurde, wenn die Aufgabe als Spiel vorgestellt worden war. Nur wenn die Aufgabe als Test der Lesekenntnisse galt, schnitten die Jungs schlechter ab als die Mädchen. Dieser Effekte zeigte sich insbesondere bei den Jungs, die angegeben hatten, dass ihnen Lesen wichtig sei. Die anderen Jungs reagierten nur unwesentlich auf die Darstellung der Aufgabe als Lesetest.

Die geringere Lesesleistung bei Jungs scheint also auch durch den Effekt stereotyper Erwartungen erklärt werden zu können. Dies stellt eine Alternative zu der Annahme dar, dass Mädchen von Natur aus besser lesen können oder mehr am Lesen interessiert sind als Jungs. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede, wie sie in der PISA-Studie gefunden wurden, durch eine bedachte Aufgabenstellung reduziert werden können - und zwar im Lesen zugunsten der Jungs wie auch im Rechnen zugunsten der Mädchen.

 

Pansu, P., Régner, I., Max, S., Colé, P., Nezlek, J. B., & Huguet, P. (2016). A burden for the boys: Evidence of stereotype threat in boys' reading performance. Journal of Experimental Social Psychology, 65, 26-30.

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Bianca von Wurzbach*, Thomas Dyllick-Brenzinger

 



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