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Sind Sie blind?!

Beim Lösen einer anspruchsvollen Aufgabe bemerken Menschen unabhängig von ihrer Expertise oftmals ungewöhnliche Ereignisse nicht.

Kennen Sie das berühmt gewordene Video, bei dem Sie zählen müssen, wie häufig sich die SpielerInnen einer Gruppe gegenseitig den Ball zuwerfen? In diesem Video läuft plötzlich eine als Gorilla verkleidete Person mitten durch das Bild. Was schätzen Sie: Wie viele BetrachterInnen des Videos nehmen diesen Gorilla während des Zählens wahr? Überraschenderweise ist das nur ein relativ geringer Anteil. In einer klassischen Studie von Daniel Simons und Christopher Chabris zu selektiver Aufmerksamkeit bemerkten nur 42 Prozent der Teilnehmenden den Gorilla in diesem Videomitschnitt. Es scheint also, dass Menschen häufig nur das wahrnehmen, worauf sie sich konzentrieren und was sie erwarten zu sehen. 
 
Vor dem Hintergrund dieser Studie untersuchte ein US-amerikanisches Forschungsteam um Trafton Drew, ob Personen mit spezieller Erfahrung beim Suchen und Entdecken von Besonderheiten im Gegensatz zu Laien ebenfalls dieser sogenannten "Blindheit wegen Unaufmerksamkeit" unterliegen. Ihre Wahl fiel auf RadiologInnen, welche durch ihren Beruf jahrelang ihre Aufmerksamkeit für das Entdecken von Abnormalitäten auf Röntgenbildern und Darstellungen von Computertomographen schärfen konnten. Die WissenschaftlerInnen fügten deshalb in die dreidimensionale Darstellung einer Lunge aus dem Computertomographen das Bild eines Gorillas ungefähr in der Größe einer Streichholzschachtel  ein. In zwei Studien war es nun die Aufgabe von 24 RadiologInnen beziehungsweise 25 Laien, diese und andere Abbildungen anzusehen und kleine Knoten im Lungengewebe zu entdecken. Nachdem die Teilnehmenden die Aufgabe bearbeitet hatten, wurden sie gefragt, ob sie in einer der Abbildungen einen Gorilla entdeckt hätten. Von den Laien bemerkte niemand das offensichtliche Bild des Tiers. Doch auch die ExpertInnen schnitten nur unwesentlich besser ab: 20 der 24 RadiologInnen nahmen den Gorilla in der Abbildung der Lunge nicht wahr. 
 
In ihren Studien zeichneten die WissenschaftlerInnen auch die Blickbewegung der Teilnehmenden auf. So  konnten Sie überprüfen, ob diese die Stelle, an welcher der Gorilla abgebildet war, vielleicht nicht betrachtet und deswegen selbigen nicht gesehen hatten. Die Auswertungen zeigen jedoch, dass sowohl ein großer Teil der RadiologInnen als auch der Laien ihre Blicke auf den leicht erkennbaren Gorilla gelenkt, ihn aber einfach nicht als solchen registriert hatten. Aus den Befunden lässt sich also schließen, dass die Expertise im Suchen von Besonderheiten kaum vor der Blindheit wegen Unaufmerksamkeit schützt.
 
Die Gorilla-Studien legen nahe, dass Menschen nur das wahrnehmen, worauf sie sich konzentrieren, und Unerwartetes einfach ausblenden. Wenn wir uns also in unserem Alltag auf bestimmte Dinge konzentrieren, kann es sein, dass wir Außergewöhnliches trotz Offensichtlichkeit nicht registrieren. Die Untersuchung von Trafton Drew und seinem Team zeigt weiter, dass selbst ExpertInnen im Entdecken von Besonderheiten nicht von dieser Blindheit gefeit sind und nur unwesentlich aufmerksamer sind als Laien. Passen Sie also lieber auf, wenn Sie das nächste Mal konzentriert an einer Aufgabe arbeiten - vielleicht läuft gerade ein Gorilla an Ihnen vorbei.
 
 
Simons, D. (2010). Selective attention test. Abgerufen am 03. November 2013 von
http://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo
 
Simons, D. J., & Chabris, C. F. (1999). Gorillas in our midst: Sustained inattentional blindness for dynamic events. Perception, 28, 1059-1074.
 
Drew, T., Võ, M. L-H., & Wolfe, J. M. (in press). The invisible gorilla strikes again: Sustained inattentional blindness in expert observers. Psychological Science. DOI: 10.1177/0956797613479386
 


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